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 Betreff des Beitrags: Von Spatzen und Tauben (Canna Uber)
BeitragVerfasst: Sa 20. Aug 2011, 14:21 
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„Von Spatzen und Tauben“


Disclaimer 1:

Hallo, ich habe mal wieder versucht, was zu schreiben :kratz: . Die folgende Geschichte spielt sich Endes dieses Jahrhunderts ab und ist das Ergebnis eines Dilemmas: Aus meiner Feder (bzw. meiner Tastatur) scheint nämlich nur Canna-Fanfic herauszukommen, obwohl es definitiv noch andere attraktive Konstellationen gibt, wie in diesem Forum täglich demonstriert wird. Wie dem auch sei, leider habe ich in einer anderen Geschichte („Ambrosia“) bereits gesagt, was ich dazu sagen wollte. Was also tun? Um einer Schreibhemmung zu entgehen, bin ich ins „Über-Genre“ gewechselt, und hoffe mal vorsichtig, dass die Geschichte trotzdem gefällt. Falls ihr noch nichts von Über-Fiction gehört habt, macht das nichts, denn ihr werdet schnell herausfinden, worum es geht.


Disclaimer 2:

Gestern fuhr ich mit einem Taxi zum Bahnhof und hatte einen sehr sympathischen Fahrer mit stark arabischem Akzent, der mir unter anderem erzählte, dass er letzte Woche einen Millionär gefahren hätte. „Aber ich kann einfach nicht mit reichen Leuten“, erklärte er mir. „Der Mann war sehr nett und hat mich und meine ganze Familie zum Essen eingeladen. Ich habe selbstverständlich abgesagt. Er hat es sicher gut gemeint, aber ich bin nur ein Spatz, und er ist eine Taube. Haben Sie schon einmal einen Spatz und eine Taube gemeinsam fliegen gesehen? Das funktioniert nicht, glauben Sie mir.“ Ich saß längst im Zug, als ich noch über seine Worte nachdenken musste. In der Tat habe ich noch nie einen Spatz und eine Taube zusammen fliegen gesehen, und selbst in den Märchen entpuppen sich die Spatzen immer noch rechtzeitig als Tauben, bevor es in einer Katastrophe enden könnte. Dennoch glaube ich, dass die Natur immer für eine Überraschung gut ist. Und deswegen handelt die folgende Geschichte von Spatzen und Tauben.



Bild
Cover: vannyheart (1000 Dank!)



Kapitel 1:

„Ich glaube, eben hättest du rechts abbiegen müssen.“ Anna blinzelt gegen sie Sonne auf das Navigationsgerät in Armaturenbrett. „Die nächste Abbiegemöglichkeit ist erst 100 Meter weiter.“ Sie band ihren braunen Haarschopf zu einem Pferdeschwanz zusammen, während sie versuchte, die Zeichen auf dem Bildschirm nachzuvollziehen.

„Bist du sicher?“ Ihre Freundin Yvonne warf einen nervösen Blick in den Rückspiegel. „Wie soll man wissen, welche von den vielen Straßen gemeint ist?“

„Berlin und Navi-Geräte haben sich noch nie vertragen“, seufzte Anna. „Nimm einfach die nächste rechts, und wir werden sehen, wo wir hingeführt werden.“

„Na, du hast ja die Ruhe weg“, murmelte Yvonne. „In einer halben Stunde müssen wir in dieser Villa sein, und die Chefin schätzt es nicht, wenn man zu spät kommt.“

„Sie schätzt es auch nicht, wenn wir bei der Arbeit mit offenen Haaren herumlaufen.“ Anna nahm ein zweites Haarband aus dem Handschuhfach und versah Yvonne blondes Haar ebenfalls mit einem Pferdeschwanz. „Sie wird heute sicher besonders viel auszusetzen haben, perfektionistisch wie sie ist. Da müssen wir es nicht auch noch drauf anlegen.“

„Ich kann nichts sehen, wenn du mit deinen Ellenbogen vor meinem Gesicht herumfuchtelst.“ Yvonne schob Annas Arme lachend zur Seite. „Willst du, dass ich uns in den nächsten Graben chauffiere?“

„Ohne dem Außenminister einen Prosecco und ein Kaviarschnittchen gereicht zu haben? Kommt nicht in Frage“, protestierte Anna. „Heute ist der unumstrittene Höhepunkt meiner Karriere im Catering-Service.“

„Meiner auch, und ich bin schon drei Jahre dabei.“ Yvonne zupfte ihren schwarzen Rock zurecht, als sie vor eine roten Ampel hielten. „Ich freue mich schon darauf, in meinen Lebenslauf schreiben zu können ‘Catering beim Außenminister Matthias von Bentheim anlässlich der Taufe seiner Tochter‘.“ Sie machte eine dramatische Pause. „Du wirst sehen, Anna, bald steht meiner eigenen Catering-Firma in Österreich nichts mehr im Wege.“ Yvonnes Freund wohnte in Tirol, und die beiden träumten seit Jahren davon, endlich gemeinsam an einem Ort leben zu können.

„Das würde ich dir sehr wünschen“, lächelte Anna und sah zufrieden auf den Navi, dessen Bildschirm nun wieder überschaubarere Straßenverhältnisse zeigte. „Ich weiß ja, wie lange du schon darauf hinarbeitest.“

Yvonne warf ihr einen Seitenblick zu. „Nicht so lange, wie du auf eine gute Stelle als Kinderärztin wartest“, sagte sie und tätschelte Annas Schulter. „Vielleicht wird es ja was mit deiner Bewerbung bei der Charité.“

„Es sind ja auch nur 120 Bewerber auf die Stelle.“ Anna verzog das Gesicht. „Da habe ich sicher gute Chancen.“ Sie lehnte sich in ihrem Sitz zurück und schaute aus dem Fenster. Sie waren bereits in dem Villenviertel angekommen, in dem der Minister wohnte, und in dieser von Bäumen umsäumten Straße war ein Haus war schöner als das andere. Die Gärten waren eine wahre Pracht, allerdings lagen die meisten hinter dicken Mauern und Gartentoren versteckt. Wer hier wohnte, brauchte sich um seine Zukunft keine Sorgen zu machen. „Ich wünschte, ich hätte vor hundert Jahren gelebt, als man sich nach Ärzten noch die Finger geleckt hat“, seufzte Anna. „Dann müsste ich mich jetzt nicht von Frau Hoffmann durch die Gegend scheuchen lassen.“

„So schlimm ist sie nun auch wieder nicht.“ Yvonne unterbrach sich, als ihr Navigationsgerät ‘Noch 800 m‘ anzeigte. „Hier muss es irgendwo sein.“

In Schrittgeschwindigkeit rollte Yvonnes Renault an den großzügigen Häusern vorbei, bis endlich die unscheinbare Auffahrt auftauchte, die Frau Hoffmann ihnen beschrieben hatte. An der Eingangspforte zum Grundstück standen zwei Sicherheitsbeamte und verlangten Firmenausweis und Personalausweis, bevor sie ihren Wagen auf die mit Kieselsteinen umsäumte Zufahrt zum Haus durchließen. „Alle Achtung, Herr von Bentheim hat Geschmack“, sagte Anna staunend und ließ das Beifahrerfenster herunter, um das Grundstück besser betrachten zu können. „Das hätte ich dem Mann gar nicht zugetraut.“

„Die Gartenanlage hat bestimmt seine Frau entworfen.“ Yvonne zuckte mit den Achseln. „Für sowas sind doch immer die Frauen von Ministern zuständig, oder nicht?“

„Keine Ahnung, du bist doch diejenige, die seit drei Jahren bei ‘Hoffmann & Hoffmann‘ angestellt ist, nicht ich.“ Anna sah nervös zum Eingang der Villa empor, als sie die Tür des Wagens öffnete. „Hoffentlich gieße ich keinem Gast seinen Prosecco über die Hose.“

„Ach was.“ Yvonne überprüfte noch einmal ihre Frisur im Rückspiegel, bevor sie ausstieg. Wie bei jedem Einsatz mussten sie alle eine weiße Bluse und einen schwarzen Rock tragen, auf dem das rote Emblem der Firma eingenäht war. „Die Taufe eines Ministerkindes ist auch nicht anders als die Hochzeit eines Bürgermeisters, und Frau Hoffmann hätte dich nicht eingeteilt, wenn sie es dir nicht zutrauen würde.“

Anna warf ihrer Freundin einen dankbaren Blick zu. „Dann mal auf in den Kampf“, sagte sie und schritt entschlossen die Treppen zum Hauseingang herauf. „Die Hoffmann ist bestimmt schon am Herumkommandieren.“

Statt einer Begrüßung erhielten Anna und Yvonne nur ein Kopfnicken von der Chefin, gefolgt von einer salvenartig vorgetragenen Einweisung in die Räumlichkeiten. „Yvonne, Sie bedienen im Empfangsbereich zusammen mit Mandy, und Anna kümmert sich um die Gäste auf der Terrasse gemeinsam mit Raphaela und Bettina", schloss Frau Hoffmann ihre Anweisungen. „Und ein bisschen Beeilung bitte. Die Gäste werden in einer Stunde von der Kirche zurück sein.“

Anna war froh, als sie ihre Kolleginnen Raphaela und Bettina auf der Terrasse erblickte, denn diese hatte ungefähr das Format der Vierzimmer-Wohnung, in der Yvonne und Anna wohnten. Außerdem handelte es sich bei Raphaela und Bettina um zwei sehr nette, erfahrene Kolleginnen, beide Mitte Vierzig, die niemals in Hektik gerieten, und Anna sicher helfen würden, wenn sie eine Frage hatte. „Habt ihr den Minister schon gesehen?“, erkundigte sich Anna, als sie sich zu Raphaela gesellte.

„Nein.“ Raphaela schüttelte den Kopf und drückte Anna einen Stapel Suppenteller in die Hand. „Aber seine Frau war kurz hier und hat uns ihre Wünsche mitgeteilt.“

„Und?“ Anna stellte die Teller zu dem Besteck, das sich schon auf der rechten Seite des Buffets-Tisches befand.

„Sie möchte, dass wir von Beginn an Getränke reichen, aber das Buffet auf der Terrasse wird erst dann abgedeckt, wenn alle Reden gehalten sind.“

„Und Frau Hoffmann will trotzdem, dass wir die ganze Zeit hier draußen bleiben?“ Anna dachte an Yvonne, die gleich im Empfangsraum stehen musste, um den Gästen ein Glas Prosecco anzubieten. Sicher würde diese dankbar für jede Entlastung sein.

„Ja, sie hat es so angeordnet, und ich werde den Teufel tun, irgendetwas anders zu machen.“

„Und wie war sie so?“ Anna stapelte die restlichen Teller übereinander.

„Die Ministergattin? Ein bisschen nervös, aber wer ist das nicht, wenn man dreihundert Gäste empfängt.“

„Bildschöne Frau“, ergänzte Bettina. „In natura sieht sie noch besser aus als im Fernsehen.“

Anna lachte. „Unser Außenminister sieht auch nicht schlecht aus. Die beiden geben ein schönes Paar ab.“

„Ja, den würde ich nicht von der Bettkante stoßen“, grinste Raphaela.

„Ich würde jeden von der Bettkante stoßen, der mit Politik zu tun hat.“ Anna schüttelte den Kopf. „Mit deren schmutzigen Geschäften will ich nichts zu tun haben.“

Bettina stimmte ihr zu. „Wurde jedenfalls Zeit, dass uns die Politik auch mal was fürs Auge bietet.“ Sie senkte ihre Stimme. „Das Gelabere ist schwer genug zu ertragen.“

Gemeinsam bauten sie den Rest des Buffets auf und begaben sich dann ins Haus, um mit den anderen Kolleginnen auf die Ankunft der Gästeschar zu warten. Es dauerte nicht lange, da fuhren die ersten Autos durch die Pforte, und alle Service-Kräfte begaben sich schleunigst an ihre Plätze. Die Kunst des Caterings bestand darin, sich so unauffällig wie möglich zu bewegen und gleichzeitig überall präsent zu sein. Diese Erfahrung hatte Anna gleich an ihrem ersten Arbeitstag machen müssen. Auch wenn man noch so sehr versucht war, in der Nähe eines prominenten Gesichtes zu verweilen, es galt stets, die Übersicht zu behalten und jeden Gast mit derselben zuvorkommenden Höflichkeit zu behandeln.

Aufgrund des schönen Wetters strömten die meisten Gäste, kaum waren sie angekommen, sofort auf die Terrasse und in den Garten, so dass Anna und ihre Kolleginnen alle Hände voll zu tun hatten, um jeden mit Sekt oder Orangensaft zu versehen. Der Spuk ging allerdings genauso schnell vorbei wie er gekommen war, denn als im Haus die Reden begannen, leerte die Terrasse sich innerhalb von wenigen Minuten. Anna und ihre Kolleginnen waren nun wieder allein und hatten Zeit, die Ruhe vor dem Sturm zu nutzen, um die nächsten Vorkehrungen zu treffen. Von drinnen drang gelegentlich Applaus oder Gelächter zu ihnen und ab und zu auch das Plärren eines Babies, vermutlich das der gerade getauften Tochter der von Bentheims, der die Sache deutlich zu langweilig wurde.

Die zahlreichen Ansprachen zogen sich endlos hin, vielleicht weil viele Gäste aus der Politik kamen und sich gern reden hörte, aber schließlich ertönte dann doch der Schlussapplaus, und Anna und Bettina beeilten sich, die Abdeckfolien vom Buffet zu entfernen. Innerhalb von fünf Minuten war es wieder so voll auf der Terrasse, dass die Gäste ihre Teller teilweise in die Höhe halten mussten, um nicht mit ihren Nachbarn zusammenzustoßen. Im Garten wäre Raum genug gewesen, aber offenkundig wollte jeder in der Nähe des Buffets bleiben, um nicht zu kurz zu kommen. Anna und ihre beiden Kolleginnen versuchten, sich so geschickt wie möglich durch die Menschenmenge zu schlängeln, um Gläser einzusammeln und Getränke zu reichen, aber die Leute waren teilweise so achtlos, dass sie nicht einmal Platz machten, wenn Anna an ihnen vorbei wollte. Und schließlich geschah das Unvermeidliche: Sie war gerade dabei, einem älteren Herrn ein Glas Orangensaft zu reichen, da bekam sie einen heftigen Stoß von hinten, das Glas fiel ihr aus der Hand, und der Orangensaft ergoss sich über den Ärmel ihrer weißen Bluse. Anna stammelte eine Entschuldigung zu ihrem Gast und reichte ihm ein neues Glas, bevor sie hastig ihr Tablett abstellte. Als sie sich bückte, um die Scherben aufzusammeln, stieß sie fast mit einem blonden Lockenkopf zusammen, der über die Scherben gebeugt war. „Oh, Verzeihung“, stammelte Anna noch einmal, aber der Rest des Satzes blieb ihr im Halse stecken, als die Frau, die vor ihr am Boden kniete, den Kopf hob und Anna in ihr die Gastgeberin erkannte.

„Nein, ich muss mich entschuldigen“, sagte Frau von Bentheim und sah entsetzt auf Annas Bluse. „Ich habe nicht gesehen, dass Sie hinter mir standen.“

„Kein Problem“, wehrte Anna ab und versuchte, sich mit den aufgesammelten Scherben in ihrer Hand zu erheben, ohne jemanden zu verletzen. „Haben Sie irgendwo Kehre und Schaufel?“

„Darum müssen Sie sich nicht kümmern, ich sage unserem Personal Bescheid.“ Frau von Bentheim war schon dabei, einen jungen Mann zu sich zu winken.

„Vielen Dank.“ Anna begutachtete ihren Ärmel und sah hilflos zu Raphaela hinüber. So konnte sie unmöglich die Gäste bedienen. Aber Raphaela zuckte nur mit den Schultern und deutete mit dem Daumen nach drinnen zu Frau Hoffmann. Anna schüttelte unmerklich den Kopf. Sicher würde die Hoffmann ihr die Schuld an dem Zusammenstoß geben, und sie könnte sich gleich am nächsten Tag die Kündigung abholen.

Frau von Bentheim schien der stumme Dialog der beiden Service-Kräfte nicht entgangen zu sein, denn sie machte Anna einen überraschenden Vorschlag. „Das Einfachste wird sein, wenn Sie kurz mit mir mitkommen“, sagte sie an Anna gewandt. „Eine weiße Bluse sollte ich noch haben.“

Anna wollte protestieren, aber entschied sich dann dagegen. Sie brauchte diesen Job, und es wäre töricht, das Angebot der Hausherrin aus Bescheidenheit abzulehnen. Also trottete sie hinter der Ministergattin her ins Innere des Hauses. Interessanterweise machten die Gäste nun gleich im Vorhinein Platz und bildeten eine geräumige Gasse, als wäre Frau von Bentheim Israel, der das rote Meer teilte. Anna brauchte nur dicht hinter Frau von Bentheim zu bleiben, um mit niemandem zusammenzustoßen.

Als sie die Gästeschar hinter sich gelassen hatten und Frau von Bentheim vor ihr die Treppe zu den Privaträumen hochging, fragte sich Anna, wie ihr eine Bluse von dieser Person passen sollte. Fraue von Bentheim war ein ganzes Stück größer als Anna und die Ärmel der Bluse würden sicher zu lang sein. Anna war einen verstohlenen Blick auf den Rücken der Hausherrin. Wie Frau von Bentheim es wohl fertig brachte, sich eine solche Traumfigur zu bewahren bei all den Businessessen, zu denen sie bestimmt andauernd eingeladen war.

Anna war so in Gedanken, dass sie gar nicht mitbekam, dass die Ministergattin sie ansprach. Erst als diese stehenblieb, so dass Anna fast ein zweites Mal mit ihr zusammenstieß, hob Anna ihren Blick. „Entschuldigen Sie bitte, haben Sie etwas gesagt?“, fragte sie errötend.

„Wir müssen einmal am Kinderzimmer vorbei“, wiederholte Frau Bentheim. „Bitte seien Sie leise, damit meine Tochter nicht aufwacht.“

„Selbstverständlich.“ Anna zog sofort ihre Schuhe aus und folgte Frau Bentheim leise, mit den Schuhen in der Hand, durch den Flur. Sie verfluchte innerlich jedes Knacken, das die Holzdielen unter ihr verursachten. Das fehlte noch zu ihrem Glück, dass sie jetzt das Kind aufweckte.

„Hier ist es“, sagte Frau von Bentheim leise und blieb stehen. „Wenn Sie hier kurz warten würden.“

Anna nickte und verharrte gehorsam auf dem Flur. Befand sich hinter dieser Tür etwa das Schlafzimmer des Außenministers? Yvonne würde ausflippen, wenn sie ihr davon erzählte.

Eine ganze Weile geschah gar nichts und Anna bekam langsam Angst, dass Frau von Bentheim sie vergessen haben könnte. Aber schließlich tauchte ihr blonder Lockenkopf wieder in der Tür auf. „Wenn Sie mir doch kurz folgen würden“, sagte sie und räusperte sich. „Ich weiß nicht recht, was Ihnen passen könnte.“

Wie Anna vermutet hatte, trat sie in das Schlafzimmer des Ehepaares ein, doch Frau von Bentheim führte sie rasch in einen Nebenraum, der sich als riesiger begehbarer Kleiderschrank entpuppte. Über einer Stuhllehne hingen sechs weiße Blusen übereinander. „Am besten, Sie probieren selbst aus, welche sich am besten eignet“, sagte Frau von Bentheim und ließ Anna in dem Zimmer allein, damit diese sich umziehen konnte.

Anna wusste gar nicht, wo sie hinsehen sollte. Sie war umgeben von den schönsten Kleidern, aber dieser Ort war viel zu privat, um sich hier umzuschauen. Offenbar vertraute ihr Frau von Bentheim, dass sie sich wirklich nur schnellstmöglich umziehen würde, um ihre Arbeit fortsetzen zu können. Also begutachtete Anna hastig die verschiedenen weißen Blusen und entschied sich für diejenige, die ihrem Arbeitskostüm am ähnlichsten sah.

„Ich glaube, so sollte es gehen“, informierte sie die Ministergattin, als sie in neuem Outfit ins Schlafzimmer zurücktrat. „Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken kann.“

„Die Bluse steht Ihnen gut.“ Zum ersten Mal lächelte Frau von Bentheim. Es war ein bezauberndes Lächeln, und Anna hatte den Eindruck, als erhellte es den ganzen Raum. Himmel, war diese Frau schön. „Das ist doch das Mindeste“, sagte Frau von Bentheim schlicht. „Es war schließlich meine Unachtsamkeit, die Sie in diese Situation gebracht hat, und ich möchte nicht, dass Sie meinetwegen Schwierigkeiten bekommen.“

„So ein Unglück kann bei dem Gedränge rasch passieren.“ Anna beeilte sich, ihre befleckte Bluse zusammenzulegen, um die Zeit der Gastgeberin nicht noch mehr in Anspruch zu nehmen. „Selbstverständlich bekommen Sie Ihre Bluse gewaschen und gebügelt zurück“, versicherte sie. „Oder möchten Sie sie lieber zurückhaben, bevor ich Ihr Haus verlasse?“

„Machen Sie es, wie Sie wollen.“ Frau von Bentheim schaute auf ihre Armbanduhr. „Ich muss wieder zu meinen Gästen zurück.“

„Ja natürlich, es tut mir leid, dass ich Sie so lange aufgehalten habe.“ Anna folgte Frau von Bentheim aus dem Schlafzimmer. Die Schuhe in der linken und die fleckige Bluse in der rechten Hand schlich Anna hinter Frau von Bentheim durch den langen Flur. Diese beschleunigte ihren Schritt, als sie am Kinderzimmer vorbeikamen und von dort ein Weinen zu vernehmen war. Rasch öffnete sie die Tür zum Kinderzimmer und lief zum Bettt ihrer Tochter.

Anna blieb unentschlossen in der Türschwelle stehen. Sollte sie allein nach unten ins Erdgeschoss gehen? Was würden die Gäste denken, wenn sie die Treppe von den Privaträumen herunterkam? Aber wenn sie hier stehenblieb, kam sie sich vor wie eine Voyeuristin.

Frau von Bentheim nahm ihre Tochter aus ihrem Bettchen und redete behutsam auf sie ein, während sie sie in ihrem Armen zu wiegen begann. Anna konnte nicht sagen, was es war, aber irgendetwas an diesem Anblick rührte sie tief. Vielleicht war es die Tatsache, dass diese intime Geste in einem so krassen Gegensatz zu der pompösen Veranstaltung unten im Erdgeschoss stand. „Ist etwas nicht in Ordnung?“, fragte Anna, als sie die Sorgenfalten auf der Stirn der Mutter bemerkte.

Frau von Bentheim sah überrascht auf. Offenbar hatte sie nicht bemerkt, dass Anna noch da war. „Sonja weint heute so viel“, sagte sie zögernd. „Ich weiß nicht, ob es die ganze Unruhe ist, oder ob sie etwas anderes hat.“

„Darf ich mir Ihre Tochter einmal ansehen?“, fragte Anna. „Ich bin Kinderärztin.“

„Und was machen Sie dann bei einer Catering-Firma?“ Frau von Bentheim hob erstaunt die Augenbrauen.

„Es gibt zu viele Ärzte in Berlin“, erklärte Anna lächelnd. „Ich bin zurzeit ohne Arbeit.“

„Also, wenn Sie sich meine Sonja mal ansehen würden, wäre ich Ihnen sehr dankbar.“ Frau von Bentheim reichte Anna ihre Tochter.

Anna legte das weinende Kind vorsichtig in sein Bettchen zurück, um es zu untersuchen. „Hatte Ihrer Tochter in der letzten Zeit eine Erkältung?“, fragte sie, während sie die winzigen Lymphknoten abtastete.

„Ja, die ist glücklicherweise gerade abgeklungen. Warum?“ Frau von Bentheim sah sie ängstlich an.

„Ihre Tochter hat erhöhte Temperatur. Mir fehlen die notwendigen Geräte für eine sichere Diagnose, aber ich befürchte, dass sich eine Mittelohrentzündung anbahnt. Ich rate Ihnen, einen Arzt aufzusuchen. Es könnte sein, dass Ihre Tochter noch heute Nacht Fieber bekommt.“

„Was kann ich dann tun?“ Frau von Bentheim hob ihre weinende Tochter wieder aus dem Bettchen und nahm sie auf ihren Arm.

„Wenn sich die Diagnose bestätigt, wird Ihr Arzt Ihrer Tochter ein leichtes Schmerzmittel verschreiben, das gleichzeitig das Fieber senken wird. Falls nach ein paar Tagen keine Besserung eintritt, muss eventuell ein Antibiotikum eingesetzt werden.“

„Oh je.“ Frau von Bentheim seufzte. „Meinen Sie, ich sollte jetzt sofort einen Arzt aufsuchen?“

„Wenn Sie das morgen tun, reicht es allemal.“ Anna schüttelte den Kopf. „Wenn Sie möchten, zeige ich Ihnen, wie man Zwiebelwickel für die Ohren macht. Das bringt oft schon eine große Erleichterung für die Kinder. Und Sie haben ja heute noch ein Fest zu feiern.“

„In der Tat.“ Frau von Bentheim nickte stirnrunzelnd, und Anna konnte sehen, wie sie sich innerlich einen Ruck gab. „Ich muss mich wieder um die Gäste kümmern.“

Sie warteten zusammen, bis die kleine Sonja an der Schulter ihrer Mutter eingeschlafen war, und dann legte Frau von Bentheim sie zurück in ihr Bettchen. „Ich danke Ihnen…“, sagte sie, als sie leise das Kinderzimmer verließen. „Ich weiß gar nicht, wie Sie heißen.“

„Anna Nolte.“

„Carola von Bentheim.“ Frau von Bentheim reichte ihr die Hand. „Danke, Frau Nolte. Ich würde sehr gern wissen, wie man Zwiebelwickel macht.“



* * *



„Erzähl mir nichts, du hast nicht wirklich vor ihrem Kleiderschrank gestanden.“ Yvonne hatte Mühe, nicht von der Fahrbahn abzukommen.

„Nicht vor ihrem Kleiderschrank, sondern in ihrem Kleiderschrank“, lachte Anna und schnupperte am Ärmel ihrer Bluse. Das Kleidungsstück duftete genauso wie der Raum, aus dem es kam, aber Anna konnte nicht sagen, ob es ein Parfum oder etwas anderes war.

„Zeig mal her.“ Yvonne nutze eine Ampelpause, um das Etikett aus Annas Nacken zu ziehen. „Max Mara, wow! Kein Wunder, dass die Bluse so edel aussieht.“

„Nimm deine kalten Finger aus meinem Nacken, es ist grün.“ Anna wich lachend Yvonnes Händen aus.

„Schon gut.“ Yvonne machte ein Zeichen der Entschuldigung, als der Wagen hinter ihnen hupte. „Erzähl mal, wie ist sie denn so, unsere Ministergattin?“

„Ich weiß gar nicht…“ Anna runzelte nachdenklich die Stirn. „Erst war sie sehr distanziert, ist ja auch klar…“

„Und dann?“ Yvonne sah neugierig zu ihr herüber.

„Dann…“ Anna musste an den Moment denken, als Frau von Bentheim ihre weinende Tochter aus ihrem Bettchen gehoben hatte. Es war ein so inniger Augenblick zwischen den beiden gewesen, dass Anna sich fast dafür schämte, Zeugin dieser Szene gewesen zu sein. Als sie zusammen an dem Bettchen gestanden und über ihre Tochter gesprochen hatten, konnte Anna spüren, wie besorgt sie war und dass sie für jeden Radschlag dankbar war. Kurzentschlossen hatte Frau von Bentheim Anna in die Küche des Hauses geführt, um mit ihr die ersten Zwiebelwickel vorzubereiten. Frau von Bentheim schien sich nicht besonders gut auszukennen in ihrer eigenen Küche, aber immerhin war sie sich nicht zu schade gewesen, Anna beim Zerkleinern der Zwiebeln zu helfen, und so hatten sie beiden mit tränenden Augen in der Küche gestanden, während in den übrigen Räumen des Erdgeschosses lautstark gefeiert wurde. Möglicherweise waren die unfreiwilligen Tränen auf dem perfekten Make-Up der Grund dafür gewesen, dass diese schöne Frau, die vor der Kamera häufig so kühl und unnahbar wirkte, plötzlich sehr menschlich erschien, und Anna hätte sie am liebsten in den Arm genommen und ihr versichert, dass sie die Zwiebeln auch ohne sie schneiden könne. Doch selbstverständlich hatte Anna nichts gesagt, und so arbeiteten sie stumm Seite an Seite nebeneinander her.

Schließlich hatten sie mehrere Wickel gefertigt, die im Laufe der nächsten Stunden und Tage zum Einsatz kommen konnten, und waren dann noch einmal zu Frau von Bentheims Tochter hinaufgegangen, damit Anna demonstrieren konnte, wie man mit den Wickeln verfahren sollte. „Vielen Dank für alles“, hatte Frau von Bentheim gesagt. „Ich hoffe, Ihre Chefin wird nicht allzu verstimmt sein, dass ich Sie so lange in Anspruch genommen habe.“

Anna konnte gar nichts sagen. Sie fand, dass Frau von Bentheim mit ihrem verschmierten Make-Up noch viel schöner aussah. Die Farben ihrer Augen hatten ein tiefes Blau, das Anna im Fernsehen nie aufgefallen war, und wenn sie so dicht vor einem stand, fühlte man sich darin gefangen.

„Was dann?“ Yvonne klopfte ungeduldig auf Annes Schulter. „Hallo? Jemand zu Hause?“

„Sorry…“ Anna setzte sich in ihrem Beifahrersitz auf. „Also dann habe ich ihr gesagt, dass ihre Tochter wahrscheinlich eine Mittelohrentzündung hat und ihr gezeigt, wie man Zwiebelwickel macht.“

„Ich glaub’s nicht.“ Yvonne tippte sich an die Stirn. „Und das alles, während wir uns die Arme lahm serviert haben…“

„Raphaela und Bettina waren ziemlich verärgert.“ Anna musste lachen, als sie sich an deren säuerlichen Blick erinnerte. „Aber ich kann ja nicht einfach der Hausherrin widersprechen, wenn sie mir einen Auftrag erteilt, oder?“

„Hat die Hoffmann von der ganzen Sache überhaupt was mitbekommen?“

„Ich glaube nicht, sonst hätte sie etwas gesagt.“

„Raphaela und Bettina halten garantiert dicht, da brauchst du dir keine Sorgen zu machen.“

„Ich weiß, ich habe schon mit ihnen gesprochen. Sie haben eingesehen, dass ich nichts dafür konnte.“ Anna seufzte. „Außerdem war ich insgesamt bestimmt nicht länger als eine Dreiviertelstunde weg.“ In der Tat waren sie noch stundenlag im Einsatz gewesen, denn die Feier hatte sich bis zum Abend hingezogen. Anna hatte sich mehrfach dabei erwischt, wie sie insgeheim darauf wartete, dass Frau von Bentheim wegen irgendeiner Angelegenheit noch einmal auf sie zukam, aber natürlich geschah dies nicht. Nur zweimal noch hatte Anna die Gastgeberin zu Gesicht bekommen, beide Male an der Seite ihres Mannes, wieder perfekt geschminkt und mit dem freundlich-distanzierten Lächeln, das Anna aus dem Fernsehen kannte.

„Na, über das Zubereiten der Zwiebelwickel scheinst du dich ja ausschweigen zu wollen.“ Yvonnes Bemerkung riss Anna aus ihren Gedanken. „Bestimmt kocht die Frau schlechter als dein Ex-Mann und hat dich zur Geheimhaltung verpflichtet.“

„Die Zwiebeln werden nicht gekocht, sondern roh verwendet.“

„Wie auch immer, ich habe das dumpfe Gefühl, dass du mir nicht alles erzählst.“

„Was soll es da zu erzählen geben?“, fragte Anna unwirsch.

„Aha.“ Yvonne machte eine Pause und sah sie prüfend an. „Lass uns das Thema wechseln. Wie fandst du denn unsere neuen Lachspasteten?“


To be continued (wenn ihr wollt...)

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Zuletzt geändert von kimlegaspi am Sa 24. Dez 2011, 10:36, insgesamt 13-mal geändert.

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BeitragVerfasst: Sa 20. Aug 2011, 16:19 
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Oh super, eine neue Geschichte von dir kim! :hüpf:

Also ich will auf jeden Fall weiter lesen... :D

LG sunny


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BeitragVerfasst: Sa 20. Aug 2011, 17:10 
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Würde mich auch freuen wenn Du weiterschiebst.
Der Anfang klingt vielversprechend.


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BeitragVerfasst: Sa 20. Aug 2011, 21:13 
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kimlegaspi hat geschrieben:
In der Tat habe ich noch nie einen Spatz und eine Taube zusammen fliegen gesehen, und selbst in den Märchen entpuppen sich die Spatzen immer noch rechtzeitig als Tauben, bevor es in einer Katastrophe enden könnte. Dennoch glaube ich, dass die Natur immer für eine Überraschung gut ist.


wenn ich so darüber nachdenke, habe ich auch noch nie Spatzen und Tauben gemeinsam fliegen sehen. :kratz:
Welche märchenhaften Überraschungen und Katastrophen dir zu dieser Canna Überstory wohl einfallen werden? :liebe3: Hach, ist das wieder spannend.


Zitat:
To be continued (wenn ihr wollt...)


... unbedingt ... :knuddel3:


LG


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BeitragVerfasst: So 21. Aug 2011, 17:49 
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Herzlichen Dank, sunny, Trinity und tiefgang!!! Eure Rückmeldung motiviert mich sehr zum Weiterschreiben :write: .

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BeitragVerfasst: So 21. Aug 2011, 19:03 
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bitte mehr davon. ich freue mich .-)

manchmal bist du dir nicht sicher, ob die minister-gattin carola von bentheim *oder* von lahnstein heisst .-)

hier z.b:
kimlegaspi hat geschrieben:
Sie fand, dass Frau von Lahnstein mit ihrem verschmierten Make-Up noch viel schöner aussah.



sabam

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ich werde mir vor deinem tor eine hütte bauen,
um meiner seele, die bei dir haust, nah zu sein.


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BeitragVerfasst: So 21. Aug 2011, 21:37 
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Zitat:
manchmal bist du dir nicht sicher, ob die minister-gattin carola von bentheim *oder* von lahnstein heisst .-)

Oh, danke für dein Hinweis, sabam :lol: !!! Wie komm' ich denn da jetzt drauf :kratz: ? Ist auf jeden Fall jetzt korrigiert, denn die Lahnsteins haben in dieser Geschichte (noch) nichts zu suchen...

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BeitragVerfasst: So 21. Aug 2011, 22:17 
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kimlegaspi hat geschrieben:
Herzlichen Dank, sunny, Trinity und tiefgang!!! Eure Rückmeldung motiviert mich sehr zum Weiterschreiben :write: .


Das freut mich.
Bin schon sehr gespannt was Du dir noch so alles einfallen lässt.


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BeitragVerfasst: Mo 22. Aug 2011, 09:31 
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Freue mich schon auf die Fortsetzung..Auch wenn die Namen anders sind, hab ich Carla als Frau Bentheim im Kopf..;)

:danke: :bigsuper: :freu: :klatsch:


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BeitragVerfasst: Di 23. Aug 2011, 14:06 
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To be continued (wenn ihr wollt...)



NA KLAR!!!!!!


lg

:bigherz:

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Our live begins to end the day we become silent about things that matter.

Martin Luther King


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BeitragVerfasst: Sa 27. Aug 2011, 09:22 
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DANKE, maddy und ho :winki: ! Da es heute wie aus Kübeln schüttet, bin ich zuversichtlich, dass es an diesem Wochenende mit der Geschichte vorangeht. Hier kommt erst einmal das nächste Kapitel.

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BeitragVerfasst: Sa 27. Aug 2011, 09:58 
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Kapitel 2:


Anna saß auf ihrem Bett und starrte schon seit Minuten auf die weiße Bluse, die ausgebreitet vor ihr lag. Es war drei Tage her, dass Frau von Bentheim ihr das Kleidungsstück geliehen hatte, und inzwischen hatte Anne es gewaschen und gebügelt, und es war höchste Zeit, es ihrer Besitzerin zurückzugeben. Der Karton, in den die Bluse hinein sollte, lag schon neben Anna auf dem Bett, aber irgendetwas hinderte sie daran, die Bluse hineinzulegen und das Paket zur Post zu bringen. Sollte sie vielleicht doch lieber selbst hinfahren, um die Bluse persönlich abzugeben? Wenn sie auf dem Postweg verloren ging, würde die Ministergattin sie verdächtigen, sie ihr nicht zurückgebracht zu haben.

Anna sah auf ihre Armbanduhr. Es war zehn Uhr morgens, und sie musste erst nachmittags arbeiten. Um der Grübelei ein Ende zu setzen, stand sie auf, schnappte sich die Bluse und legte sie vorsichtig in eine Tüte. Sie schrieb noch eine Karte mit ein paar Dankesworten dazu und legte eine Schachtel Pralinen mit in die Tüte, die sie jedoch gleich darauf wieder heraus nahm. Im Haushalt des Außenministers mangelte es sicher nicht an Pralinen, und sie wollte sich nicht mit Geschenken aufdrängen. Eine Karte würde reichen.

Auf der Fahrt zur Villa des Ministers wurde Anna dann doch ziemlich mulmig zumute. Vielleicht hatte Frau von Bentheim den Vorfall mit der Bluse längst vergessen und würde sich belästigt fühlen, wenn Anna plötzlich an ihrer Haustür auftauchte, vorausgesetzt, dass sie überhaupt auf das Grundstück gelassen wurde. Trotzdem blieb sie bei ihrem Entschluss, denn sie wollte wenigstens ihr Möglichstes versucht haben, dass die Bluse wohlbehalten zu ihrer Besitzerin zurückkam.

Die schwere Eisenpforte, die vor drei Tagen offen gestanden hatte, war nun geschlossen, aber Anna entdeckte eine Sprechanlage an der Mauer. „Guten Tag. Sie wünschen?“, drang verzerrt eine weibliche Stimme aus dem Lautsprecher, als Anna den schwarzen Knopf unter der Anlage gedrückt hatte. „Guten Tag, mein Name ist Anna Nolte. Ich möchte gern Frau von Bentheim etwas zurückgeben.“ Anna spürte, wie ihr Herz auf einmal bis zum Hals klopfte. Wahrscheinlich war ihr Besuch doch keine gute Idee gewesen. Sie hörte ein Knacken aus dem Lautsprecher, dann fragte die Stimme: „Worum handelt es sich?“ – „Es handelt sich um einer Bluse, die mir Frau Bentheim während der Feier vor drei Tagen geliehen hat.“ Wieder entstand eine Pause, dann sagte die Stimme. „Warten Sie, es wird jemand kommen.“

Nach einer Weile hörte Anna das Knirschen von Kieselsteinen, und dann tauchte eine junge Frau am Tor auf. „Guten Tag, Sie sind Frau Nolte?“, fragte sie Anna überflüssigerweise.

Anna nickte. „Die Bluse ist hier drin“, erklärte sie und hob die Tüte hoch.

Die Frau drückte auf ihrer Seite einen Knopf, woraufhin sich eine schmale Eisentür öffnete. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, streckte sie ihre Hand nach der Tüte aus und nahm sie an sich. Dann ertönte ein Summen, und die Eisentür schloss sich wieder. „Frau von Bentheim wird ihre Bluse erhalten, sobald sie zurück ist“, sagte die junge Frau. „Auf Wiedersehen Frau Nolte. Haben Sie vielen Dank.“

Und damit war Anna entlassen. Die Frau hatte sich längst wieder ins Haus begeben, da stand Anna noch vor dem Tor. Sie war erstaunt darüber, wie enttäuscht sie war. Aber hatte sie wirklich geglaubt, die Ministergattin würde sie persönlich empfangen? Hatte sie sich tatsächlich eingebildet, sie könnte mal mir nichts dir nichts in die Villa des Außenministers spazieren und ein bisschen mit seiner Frau plaudern? Anna musste über sich selbst den Kopf schütteln. Sicher war Frau von Bentheim eine faszinierende Person, aber es war mehr als Zeit, dass Anna sie aus ihrem Kopf bekam und sich wieder ihrem eigenen Leben widmete. Henning hatte heute schon das vierte Mal auf die Mailbox gesprochen und gefragt, wann sie sich sehen könnten. Sie hatte keine Lust gehabt, ihn zurückzurufen, obwohl es ihm gegenüber nicht fair war. Er hatte das nicht verdient.

Seufzend setzte Anna sich in ihren Wagen und fuhr zurück in ihre Wohnung. Yvonne kochte gerade Mittagessen, als sie zu Hause ankam und fragte, wo sie gewesen sei. Obwohl Anna sich schäbig vorkam, ihrer besten Freundin nicht die Wahrheit zu sagen, schob sie einen Termin bei ihrem Steuerberater vor. Zum Glück hakte Yvonne nicht nach, sondern stellte eine duftende Lasagne auf den Tisch, und Anna beeilte sich, Besteck und Gläser zu holen, damit sie gemeinsam das Werk probieren konnten.



* * *



„Und dann habe ich ihm gesagt, dass er seine Zeichnungen von meinem Tisch nehmen soll und damit zu Möller gehen soll. Der wird sich noch wundern.“ Henning sah Anna triumphierend an. „Wieder ein Problem weniger“, schloss er seine Ausführungen.

Anna lächelte schwach. Schon den ganzen Abend langweilte er sie mit Geschichten aus seinem Architekturbüro, und sie merkte, dass sie einfach zu erschöpft war, um ihm folgen zu können.

„Bist du gar nicht stolz auf mich?“, fragte er, und aus seiner Stimme klang ein leichter Vorwurf. „Was ist denn los, Anna? Du wirkst heute so abwesend…“

„Ich bin nicht abwesend, ich bin müde“, sagte Anna gereizt, um gleich darauf hinzuzufügen: „Entschuldige, Henning. Du weißt, wie ungnädig ich bin, wenn ich drei Nächte hintereinander gearbeitet habe. Ich bin ziemlich übermüdet."

„Das tut mir leid.“ Seine Stimme wurde weicher. „Es war eine schlechte Idee von mir, essen zu gehen, was?“

Anna schüttelte lächelnd den Kopf. „So schlafe ich wenigstens nicht auf dem Sofa ein.“

„Wie waren denn überhaupt deine letzten Abende?“, wollte er wissen. „Und von der Taufe beim Außenminister hast du auch noch nichts erzählt.“

„Gestern Abend haben wir auf einem Kongress in der Universität serviert, und am Abend davor auf dem 50. Geburtstag von Mario Sommerlich.“

„Der Schauspieler?“

„Ja.“ Anna nippte an ihrem Wein. „Der Mann hat ein riesiges Anwesen am Wannsee, aber er kümmert sich nicht darum. Es tat richtig weh zu sehen, wie er das Grundstück verwahrlosen lässt.“

„Ich wüsste schon, was ich mit so einem Grundstück täte.“ Er beugte sich ein wenig vor. „Ich würde dir das Haus deiner Träume bauen, wenn du dich dazu entschließen könntest, mit mir zusammen zu ziehen.“

Anna unterdrückte einen Seufzer. Nicht diese Diskussion schon wieder. „Davon bin ich überzeugt“, sagte sie ausweichend. „Aber du weißt ja, wie ich dazu stehe.“

„Es wäre dir zu eng.“ Er lehnte sich wieder in seinem Stuhl zurück. Sie hasste es, wenn er diese Miene aufsetzte. „Wie lange willst du es noch hinauszögern? Weißt du, was ich glaube? Ich glaube, du hast ein Näheproblem, und du willst dich damit nicht auseinandersetzen.“

„Wenn du meinst.“ Anna hatte nicht die geringste Lust, in diese Diskussion einzusteigen.

„Dein Ex sagt das auch.“

„Lukas ist Scheidungsanwalt. Bei dem haben alle Menschen ein Näheproblem.“

„Da magst du Recht haben.“ Er lachte. „Möchtest du noch ein Dessert? Das Vanilleeis mit heißen Himbeeren soll ganz köstlich sein.“

„Nein danke.“ Anna schüttelte den Kopf. „Bitte nimm es mir nicht übel, aber ich bin wirklich hundemüde.“ Sie legte ihre Hand auf seine. „Das nächste Mal werde ich kommunikativer sein. Ich verspreche es.“

„Halb so wild, ich weiß ja selbst, wie es mir geht, wenn ich drei Nächte über Plänen gehockt habe.“ Er nahm ihre Hand und küsste sie. „Sehen wir uns morgen?“

„Übermorgen. Ich habe Yvonne versprochen, morgen mit ihr einen Frauenabend zu machen.“

Er lächelte. „Ihr mit euren Frauenabenden. Na gut, dann übermorgen. Ich habe auch schon eine Idee, was wir machen…“

„Ach ja? Was denn?“

„Auf der Waldbühne gibt es ein Open-Air Konzert zugunsten der Erdbebenopfer in Los Angeles.“

Anna griff nach ihrem Mantel. „Schon überredet.“



* * *



Anna war so müde, dass sie es kaum die Treppe herauf schaffte, als sie zu Haus ankam. Sie hängte ihren Mantel über die Garderobe und ging in die Küche, um sich eine Flasche Wasser mit ins Schlafzimmer zu nehmen. Yvonne schien schon im Bett zu sein, also ließ Anna das Licht aus, um sie nicht zu wecken. Auf dem Küchentisch lag wie immer ihre Post, und Anna konnte schemenhaft erkennen, dass der oberste Brief von der Firma Gröning war. Stand endlich der Liefertermin für ihren neuen Kleiderschrank fest? Anna holte sich eine Kerze und ein Feuerzeug und setzte sich damit an den Küchentisch, um den Brief zu öffnen. Tatsächlich sollte der Schrank am folgenden Freitag geliefert werden - ausgerechnet zwischen 12 und 19 Uhr, wenn sie für einen 80. Geburtstag eingeteilt war. Anna kreiste die Telefonnummer der Spedition mit einem Stift ein und nahm sich vor, gleich am nächsten Morgen dort anzurufen und um einen Vormittagstermin zu bitten. Sie wollte gerade die Kerze wieder ausblasen, da fiel ihr Blick auf den Brief, der unter dem Umschlag der Firma Gröning lag. Seltsamerweise stand dort kein Absender, aber ihre Adresse war handschriftlich geschrieben. Nach Werbung sah das nicht aus.

Neugierig öffnete Anna den Briefumschlag und fand eine Klappkarte vor, auf der eine Sommerwiese mit Mohn abgebildet war. Als sie die Karte öffnete, fielen zwei Konzerttickets heraus. Wie kam sie denn dazu? „Die 5. Symphonie von L. v. Beethoven in der Berliner Philharmonie. Leitung: Sir David McLachlan. Reihe 7, Platz 14“, las Anna auf dem Ticket. Seltsam. Anna runzelte die Stirn. Ihre Kollegin Raphaela hatte schon vor Wochen versucht, Karten für das Konzert zu bekommen, aber es war längst ausverkauft gewesen. Anna hielt die Innenseite der Karte dicht unter die Kerze, um die handschriftlich geschriebenen Zeilen besser entziffern zu können:

Liebe Frau Nolte, vielen Dank, dass Sie mir die Bluse persönlich zurückgebracht haben, so ist sie wohlbehalten bei mir angekommen. Übrigens hatten Sie mit Ihrer Vermutung Recht, unsere Sonja hat tatsächlich noch in der Nacht hohes Fieber bekommen, und ihr Arzt diagnostizierte ihr am nächsten Tag eine heftige Mittelohrentzündung. Es ist schwer zu ertragen, wenn ein kleines Wesen solche Schmerzen hat, aber zum Glück hatten wir Ihre Zwiebelwickel, die sehr gut geholfen haben. Ich danke Ihnen nochmals für Ihre Hilfe, und ich hoffe, Sie mögen klassische Musik. Herzliche Grüße. Carola von Bentheim.

Anna starrte ungläubig auf die Karte. Hatte Frau von Bentheim diese Zeilen selbst geschrieben? Es konnte nur so sein, denn die Handschrift glich der Signatur unter dem Text. Anna strich mit dem Finger über den geschwungenen Namen. Carola von Bentheim. Wieder und wieder las sie die Zeilen. Liebe Frau Nolte, Herzliche Grüße. Die Karte wirkte überraschend persönlich. Annas Gedanken wanderten zurück zu der Situation, als sie nebeneinander in der Küche gestanden und Zwiebeln geschält hatten. Sie fragte sich, ob Carola von Bentheim wohl Freunde hatte. Als Ehefrau des Außenministers war sie sicher ständig unterwegs, und es musste schwierig sein, Kontakte aufrechtzuerhalten. Abgesehen davon wimmelte es in ihrem Leben sicher von Menschen, die sich an die Außenministerfamilie heranmachten, um sich einen Vorteil davon zu verschaffen.

Anna schüttelte den Kopf, um ihre Gedanken zu vertreiben. Sie musste dringend ins Bett. Vorsichtig legte sie die Karte wieder in ihren Umschlag zurück und blies die Kerze aus. Leise, mit ihrer Flasche Wasser und einem Glas im Arm ging sie in ihr Schlafzimmer. Den Brief nahm sie ebenfalls mit und legte ihn neben sich auf ihren Nachttisch. Als sie die Augen schloss, nahm sie sich vor, niemandem davon zu erzählen, auch Yvonne nicht. Henning würde sie vorschwindeln können, dass sie die Konzertickets zum Geburtstag bekommen hätte. Irgendwie hatte der Brief etwas so Schönes, dass Anna befürchtete, er würde seinen Zauber verlieren, wenn sie mit anderen Menschen darüber sprach.



To be continued....

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Zuletzt geändert von kimlegaspi am So 28. Aug 2011, 09:22, insgesamt 3-mal geändert.

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BeitragVerfasst: Sa 27. Aug 2011, 12:34 
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Sehr schone Fortsetzung, macht Lust auf mehr.
Bin schon sehr gespannt wie es mit Carola und Anne weitergeht.


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BeitragVerfasst: Sa 27. Aug 2011, 15:29 
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toll, toll, toll..Bitte bald mehr davon!

:danke: :bigsuper: :freu:


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