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Teil 224:
Es war der letzte Brief, den Helena jetzt in den Händen hielt, nachdem sie alle anderen gelesen hatte. Die Schrift von Karsten zeigte, dass er offenbar Probleme beim Schreiben gehabt hatte, die Worte wirkten teilweise so, als habe er gezittert und den Stift zwischendurch neu ansetzen müssen, um weiter zu schreiben.
„Ich dachte, nach dem Unfall, den ich verschuldet habe, könnte es nicht mehr schlimmer kommen. Mein Leben war bereits an seinem absoluten Tiefpunkt angekommen. So dachte ich. Nach Tagen, in denen ich mich verkrochen und regelrecht von der Außenwelt abgeschirmt hatte, beschloss ich, mich dem unausweichlichen zu stellen. Ich fuhr ins Krankenhaus, um die zwei Menschen aufzusuchen, die ich in Lebensgefahr gebracht hatte. Niemals zuvor hatte ich so viel Angst vor einer Begegnung, doch ich musste das tun. Weit bin ich nicht gekommen. Vor dem Krankenzimmer der jungen Frau, Rebecca von Lahnstein, traf ich auf einen Arzt. Er beäugte mich misstrauisch, als Freund der Familie, wusste er sofort, dass ich kein gewöhnlicher Besucher war. Er ließ mich nicht zu ihr, sie sei in keiner guten Verfassung, hieß es, und dass sie Ruhe braucht, nachdem sie an diesem Tag auf der Beerdigung ihres Bruders gewesen war. Eine Beerdigung. Mir war sofort klar, dass es sich um den jungen Mann handeln musste, der das Motorrad gefahren hatte. Tristan von Lahnstein. Er war gestorben, an den Folgen seiner schweren Verletzungen. An den Verletzungen, die ich ihm zugefügt habe. Meine Atmung muss für einen Moment ausgesetzte haben, ich weiß nicht mehr genau, was ich in den ersten Sekunden gedacht, oder gefühlt habe. Ich weiß nur noch, dass ich danach nichts mehr gefühlt habe. Ich war nicht mehr derselbe Mensch und würde es auch nie wieder sein. Ich war schuld am Tod eines anderen Menschen. Das war der Moment, als ich erkennen musste, dass der Tiefpunkt noch nicht erreicht war. Es ging noch viel tiefer, immer tiefer, so tief, dass kein Licht mehr zu erkennen war. Da war nur noch Dunkelheit. Das Schuldgefühl fraß mich von innen heraus auf, es gab nichts mehr gut zu machen, nichts mehr zu verzeihen, alles fand in diesem Moment ein jähes Ende. Endgültig. Mein Leben war schon vorher aus den Fugen geraten, der jahrelange Betrug meiner Frau, der Verrat meines Partners und besten Freundes und das Ende meiner Familie hatten mich so schwer getroffen, dass ich glaubte, es nicht ertragen zu können. Die Wahrheit jedoch war noch viel schlimmer. Ich konnte mich nicht mehr ertragen. Der Blick in den Spiegel wurde zum Spießrutenlauf, ich konnte nicht mehr hinein blicken, ohne Verachtung zu empfinden. Ich lief davon. Geradewegs zum nächsten Kiosk. Ohne nachzudenken. Danach ging ich nach Hause und trank. Nicht um zu vergessen, das war unmöglich, egal wie viel ich trinken würde. Ich trank, weil ich wusste, dass die Kombination aus Tabletten und Alkohol die beste Möglichkeit war, um mein Ziel schnellstmöglich zu erreichen. Beinahe wäre es mir gelungen, aber dann setzte doch noch mein Verstand ein. Mein Blick fiel auf ein Foto meiner beiden Kinder, Anna und Paul, und plötzlich kam ich mir vor wie ein elendiger Feigling. Hatte ich nicht schon genug Schaden angerichtet und zu viele Menschen ins Unglück gestürzt? Musste ich jetzt auch noch meine Kinder und meinen Bruder unglücklich machen und mich auf diese feige Art vor den Konsequenzen meines Handels drücken? Ich weiß selbst nicht, woher diese Erkenntnis in diesem Moment kam, aber sie brachte mich dazu aufzustehen und ins Badezimmer zu rennen, um das Gift, welches bereits auf den Weg in meinen Körper war, wieder nach draußen zu befördern. Irgendwie musste ich es noch geschafft haben, meinen Bruder zu benachrichtigen. Lukas kam kurze Zeit später und brachte mich zur Sicherheit ins Krankenhaus. Er war wütend auf mich, zu Recht und er hatte große Angst. „Tu das nie wieder, Du verdammter Idiot“ hatte er unter Tränen gesagt und ich habe es ihm versprochen. Mein Leben wird nie wieder so sein, wie es einmal war, ich werde immer mit der Gewissheit leben, dass jeder Atemzug, den ich mache, einer zu viel ist, weil ich einem anderen Menschen genau das genommen habe. Sein Leben, sein Glück, seine Zukunft. Das ist die Last, die ich mir aufgebürdet habe und mit der ich leben muss, weil ich es mir selbst schuldig bin. Mir und allen anderen Menschen, die ich an diesem Tag ins Unglück gestürzt habe. Ich hoffe, dass sie irgendwann wieder glücklich sein können. Dass sie mir jemals verzeihen, erwarte ich nicht, denn ich selbst werde mir niemals verzeihen können, was ich getan habe.“
Helena legte den Brief auf ihren Schoß, während sie einen Moment lang einfach nur da saß und gedankenverloren vor sich hin blickte. Ein leises, kaum hörbares Geräusch ließ sie aufschrecken und auf ihre Beine blicken. Eine Träne hatte sich auf dem Stück Papier verewigt. Sie wischte sie vorsichtig weg und legte den Brief zu den anderen auf den Tisch. Karsten Bergers Worte hatten etwas in ihr berührt. Es ging nicht um Mitgefühl, oder um die Tatsache, dass er sich beinahe umgebracht hätte. Helena fühlte etwas anderes. Sie konnte ihn verstehen. Sie konnte ihn verstehen, weil sie es selbst erlebt hatte. Sie kannte das Schuldgefühl, die innere Leere und das Gefühl einen anderen Menschen aus dem Leben gerissen zu haben. Es war das Schlimmste gewesen, was sie jemals empfunden hatte und sie selbst wäre daran fast zerbrochen. Ihr wurde damals verziehen. Aber war sie selbst auch in der Lage zu verzeihen? Helena hatte keine Antwort auf diese Frage, aber vielleicht war sie ihr heute ein kleines Stückchen näher gekommen.
Nachdem Tanja einige Zeit bei ihrer Tochter auf dem Schloss gewesen war, hatte sie ihren noch Ehemann aufgesucht, um ihn bezüglich der Scheidung zur Rede zu stellen, doch seine Reaktion fiel anders aus, als erwartet. Sebastian gab sich unbeeindruckt und ungewohnt locker „Tanja, es ist ja wirklich schön, dass Du wieder zurück bist, aber um ehrlich zu sein, hat sich meine Sehnsucht nach Dir in Grenzen gehalten“ bemerkte er trocken und schenkte sich einen Scotch ein. Die Blonde betrachtete ihn abschätzend „danke, das ging mir genauso. Der Urlaub war fantastisch und diese südländischen Männer...da merkt man erst, mit wie wenig man sich zufrieden gegeben hat“ sagte sie unverschämt grinsend. Der Graf nickte „ja, das kann ich mir vorstellen. War bestimmt ein teures Vergnügen, oder?“ erwiderte er zynisch. Tanja ging nicht weiter darauf ein, sondern baute sich vor ihm auf „wenn die Scheidung erst mal durch ist, muss ich mir um Geld keine Gedanken mehr machen. Es wird also langsam Zeit, dass Du aufhörst Dich an zu geizen und meinen Forderungen zustimmst. Ansonsten könnte sich das alles noch sehr lange hinziehen und das dürfte besonders Dich stören, wo Du doch schon dabei bist, Dir ein neues Nest zu bauen.“ Sebastian ging zum Sofa und ließ sich betont langsam darauf nieder „tja Tanja, und genau da liegt das Problem. Ich habe besseres mit meinem Geld vor, als es Dir in den Rachen zu schmeißen, schließlich habe ich eine Familie. Außerdem habe ich viel zu hart dafür gearbeitet. Ich habe Deinem Anwalt geschrieben, was ich bereit bin zu zahlen. Nimm es an, oder Du gehst leer aus“ entgegnete er ruhig. Tanja bedachte ihn mit einem Blick, der Bände sprach, sie hielt ihn für einen Idioten „Du weißt ganz genau, dass das so einfach nicht geht. Ich kenne Deine Vermögensverhältnisse und ich werde auf keinen einzigen Euro verzichten. Die Zeiten in denen Du mich mit Deinem Gutmensch Gerede beeinflussen konntest, sind Gott sei Dank vorbei. Also spar es Dir und erfüll meine Forderungen, dann muss niemand unnötig leiden.“ Sie lächelte ihn siegesgewiss an, ihre Überheblichkeit erinnerte ihn an Zeiten, die er längst aus seinem Gedächtnis gestrichen hatte und er konnte nicht umhin zu denken, dass er ein riesiger Narr gewesen war. Doch heute, um einige Erfahrungen reicher, war er kein Narr mehr und außerdem hatte er gelernt, dass man seine Gegner manchmal nur mit ihren eigenen Waffen schlagen konnte. „Das werde ich nicht. Stattdessen wirst Du auf sämtliche Ansprüche verzichten und einer einvernehmlichen Scheidung, sowie dem gemeinsamen Sorgerecht für Emma zustimmen, wobei unsere Tochter bei mir auf dem Schloss leben wird“ stellte er sachlich fest. Die Blondine wirkte zunächst überrascht, doch dann lachte sie höhnisch „natürlich, kein Problem. Wo soll ich unterschreiben?“ fragte sie ironisch und war perplex, als er ihr plötzlich einen Vertrag reichte „auf der letzten Seite, neben meiner Unterschrift“ erklärte er lapidar. Tanja runzelte die Stirn und überflog die Seiten „was soll der Unsinn, Sebastian? Du wirst doch nicht tatsächlich so dumm sein und glauben, dass ich das unterschreibe“ erwiderte sie und schmiss den Vertrag auf den Tisch. Der Graf lächelte „oh doch, ich glaube es nicht nur, ich weiß es. Denn wenn Du es nicht tust, dann werde ich das hier...“ er reichte ihr einige Dokumente „...dem Staatsanwalt zukommen lassen. Und was das bedeutet, muss ich Dir sicherlich nicht erklären, oder?“ fragte er und schaute sie entschlossen an. Seine noch Ehefrau erschien trotz ihrer Bräune plötzlich ziemlich blass „woher hast Du das?" murmelte sie fassungslos, erwartete aber nicht wirklich eine Antwort und starrte ihn ungläubig an "das wirst Du nicht tun. Ich kenne Dich, Sebastian. Du bringst es nicht fertig die Mutter Deiner Tochter in den Knast zu bringen." Sie blickten sich schweigend an, eine ganze Weile, dann ergriff Sebastian wieder das Wort "ich kann und ich werde. Du hast schließlich auch keine Skrupel den Vater Deiner Tochter fertig zu machen, also habe ich ebenfalls keinen Grund, länger auf Dich Rücksicht zu nehmen. Außerdem musst Du ja gar nicht ins Gefängnis, nur, wenn Du Dich weigerst zu unterschreiben" erklärte er und schob ihr den Vertrag noch einmal zu "wie war das noch? Kein Gutmensch Gerede mehr, oder? Kannst Du haben, Tanja. Die Zeiten in denen ich mir alles von Dir habe gefallen lassen, sind nämlich zum Glück ebenfalls vorbei“ bediente er sich ihrer Worte und reichte ihr einen Stift. Tanja konnte nicht fassen, dass ihr das gerade wirklich passierte und fragte sich, wieso er sich ausgerechnet jetzt so verhielt, wie sie es sich früher manches Mal gewünscht hätte. Sie hatte sich ihre Rückkehr eigentlich anders vorgestellt, doch sie wusste, wann sie eine Schlacht verloren hatte. Sie nahm den Stift entgegen, las sich der Form halber noch einmal alles durch und setzte dann ihre Unterschrift darunter. „Du überraschst mich, Sebastian. So viel Abgebrühtheit hätte ich Dir gar nicht zugetraut. Gratuliere“ sagte sie, gab ihm den Vertrag zurück und nahm die belastenden Unterlagen entgegen. Während Sebastian sich noch über ihr Verhalten wunderte, stolzierte Tanja hinaus und ließ ihren Frust erst raus, als sie weit genug vom Schloss entfernt war „das wirst Du mir büßen“ fluchte sie und stieg in ihren Wagen.
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